Mit dem Blindenstock kann man nicht joggen – Interview mit Meike aus Hamminkeln

Mit der Erfahrung aus dem Rehabilitationssport mit hunderten Kursteilnehmern hat MyGoal Trainerin Anke ein Konzept entwickelt, das auch Menschen mit Behinderung ein strukturiertes Training ermöglicht. Darunter sind Triathleten und Läufer, zu denen kein pauschales Trainingssystem passt. Meike aus Hamminkeln ist seit ihrer Kindheit nach und nach erblindet und hat mit uns über ihre Erfahrungen als Läuferin gesprochen. Für ihre wichtigste Lauffreundin muss sie sogar mit den Behörden kämpfen.

Laufen mit Blindenführhund
Training für beide. Meike und ihre Hündin Maja auf dem Hundesportplatz.

Hallo Meike! Was mach Maja? 

Maja sitzt gerade bei mir auf dem Schoß und lässt sich von mir kraulen.

Warum sie so wichtig für dich ist, das wollen wir gleich klären. Wir haben uns zu einer Videokonferenz verabredet. Was siehst du? 

Ich sehe gerade nur Umrisse von dir. Ich habe meinen PC-Bildschirm mit dem Laptop verbunden und da der sehr weit weg steht auf dem Schreibtisch, kann ich nur wenig von dir erkennen. Ich habe weniger als 5 Prozent Sehkraft.

Vielleicht kannst du mir helfen, die Läuferwelt aus deiner Sicht zu verstehen. Wie würdest du das beschreiben? 

Es ist so, dass ich alleine gar nicht laufen kann. Spazierengehen mit dem Blindenstock und Maja, das geht natürlich. Aber mit dem Stock joggen ist unmöglich. Da ich sehr viel nicht mehr sehen kann und dadurch auch das Reaktionsvermögen eingeschränkt ist, bin ich im Training auf Hilfe angewiesen. Entweder fahren mein Freund oder meine Mama mit dem Fahrrad nebenher, oder ich laufe wenn mein Bruder da ist am Wochenende mit ihm. In der Corona-Zeit war das besonders schwierig, weil mir der Lauftreff fehlt, wo ich gern dabei bin.

Wie kam es zu deiner Einschränkung? 

Als ich 9 Jahre alt war, wurde die Krankheit festgestellt. Meinen Eltern war aufgefallen, dass ich im Dunkeln orientierungslos war oder oft Dinge fallen gelassen habe. Der Augenarzt hat dann RP, Retinitis pigmentosa, einen Gendefekt festgestellt. Zu der Zeit konnte ich aber noch recht gut sehen, sogar Fahrrad und Inliner fahren.

Was hat dich trotzdem zur Läuferin werden lassen? 

Als ich ungefähr 14 war, wurde es rapide schlechter. Ich hatte Fußball gespielt, was dann nicht mehr ging. Also habe ich mit Walking angefangen. Weil viele meiner Freunde Joggen gingen, habe ich mir gedacht, das muss doch irgendwie auch möglich sein. Ich bin dann öfter mit einer Freundin gelaufen und bin irgendwie dabei geblieben. Heute ist das Laufen ein Ausgleich für meinen Bürojob als Finanzbeamtin.

Also wie bei vielen anderen.

Für mich ist da kein großer Unterschied. Ich fühle mich beim Laufen wie jeder andere Mensch auch. Ich kann ja laufen, auch wenn ich kaum etwas sehe. Deswegen bin ich ja keine schlechtere Läuferin.

Wir empfehlen im Training die Laufstrecke möglichst oft zu variieren. Bei dir ist das vielleicht etwas anders, oder? 

Ja schon, ich habe meine festen Laufrunden, die ich gut kenne, von dreieinhalb bis 9 km. Da kann ich aber auch gut variieren. Außerdem bin ich gern auf einem Sportplatz ganz in der Nähe. Die Runde auf der Bahn ist natürlich ideal für mich. Da können mir mein Bruder oder meine Mutter auch mal durch Rufe Orientierung geben.

Ich muss sagen, Anke erklärt jede Übung wirklich toll.

Wie ist Anke im Trainingsplan darauf eingegangen? 

Sie hat mich in unseren Trainergesprächen immer wieder gefragt, was möglich ist. Wir haben auch viel ausprobiert und dann immer wieder etwas verändert. Wenn sie zum Beispiel 40 Meter Sprints oder Steigerungsläufe eingeplant hat, dann haben wir das über Zeitabschnitte gelöst. Auch beim Intervalltraining habe ich mir das von meiner Uhr oder meinem Begleiter ansagen lassen. Wir haben sogar Trainingsprogramme für den Garten gefunden, so dass ich auch mal zu Hause trainieren konnte, wenn niemand Zeit hatte mich zu begleiten – intensives Lauf-ABC auf dem Rasen zum Beispiel.

Hat dich das als Läuferin voran gebracht?

Auf jeden Fall. Es hat mich sehr motiviert, mit einer Trainerin zu arbeiten. Ich konnte jederzeit etwas zu den Einheiten schreiben oder Fragen stellen. Anke hat mir dann Tipps gegeben, wie ich das Training gut umsetzen oder noch etwas anpassen kann.

Du machst auch beim MyGoal Training Studio mit, unserem Online-Training. Wie ist es dort?

Ich muss sagen, Anke erklärt jede Übung wirklich toll. Ich glaube, auch die anderen Teilnehmer müssen da gar nicht groß auf den Bildschirm schauen. Viele Übungen kennt man mit der Zeit und weiß, wie man sie machen muss.

Eine Vermittlungsbörse, um Begleitläufer für blinde Läufer zu finden, kenne ich so nicht.

Lass uns über Maja sprechen. Kannst du sie kurz beschreiben? Sie ist dein Blinden-Führhund. 

Das ist sie jetzt noch nicht ganz, weil wir mit der Ausbildung erst begonnen haben. Maja ist ein schwarzer Großpudel. Sie hat gerade vom Tierarzt bestätigt bekommen, dass sie offiziell in die Ausbildung gehen kann und lebt seit knapp einem Jahr bei mir.

Also hilfst du im Augenblick mehr ihr als sie dir? 

Ja, das kann man fast so sagen. Ich übe schon viel mit ihr und die eine oder andere Aufgabe beim Führen kann sie bereits übernehmen. Sie kann mir zum Beispiel schon eine Parkbank anzeigen. Wenn ich zu ihr sage „Such Bank!“, dann läuft sie auch zu einer Bank hin und legt ihren Kopf drauf. Das heißt dann für mich, dass ich mich dort hinsetzen kann. Später kann sie mir so einen freien Platz im Café oder Restaurant auswählen. Bei Treppen hilft sie mir schon jetzt, die Geländerseite zu finden und bleibt mit den Vorderpfoten auf der ersten Stufe stehen, damit ich weiß, wo die Treppe anfängt.

Wie lange wird ihre Ausbildung noch dauern?

Ich denke so ein Jahr oder etwas mehr. Mit meiner Hunde-Trainerin gehen wir dabei einen etwas anderen Weg als sonst üblich. Oftmals bekommen Blinde ein fertig ausgebildetes Tier und beide müssen sich erst aneinander gewöhnen. Wir können uns so sehr viel mehr auf die eigentliche Ausbildung konzentrieren.

Kann sie dich auch im Training begleiten?

Auf jeden Fall. Ich war öfters schon mal joggen mit ihr. Am Anfang war sie da noch sehr verspielt und hat oft in die Leine gebissen, weil sie dachte, wir wollen jetzt spielen. Aber letzten Sonntag da hat sie auf meiner 5 km-Runde sogar schon ein wenig die Führung übernommen. Wenn ich zu nah an die Bordsteinkante komme, dann drückt sie aktiv dagegen. Ab und zu habe ich mich sogar von ihr ein wenig ziehen lassen. Da ist das Laufen auf einmal viel leichter.

Wie bekommt man einen Blinden-Führhund?

Es gibt dafür spezialisierte Hundeschulen, bei denen man oft sogar verschiedene Rassen auswählen kann. Man muss einen Antrag bei der Krankenkasse stellen. Wenn man ganz viel Glück hat, dann bekommt man vielleicht direkt eine Zusage. Bei mir war das leider schwierig. Ich habe schon knapp anderthalb Jahre gewartet weil nicht klar war, ob meine sehr geringe Sehkraft nun schon unter der gesetzlichen Schwelle liegt oder nicht. Einige waren der Meinung, ich würde noch zu gut sehen. Das kann schon sehr anstrengend sein. Deshalb hat meine Familie Maja auch erst einmal auf eigenes Risiko zu sich genommen und ich werde jetzt, wo sie vom Tierarzt bestätigt ist, nochmal einen Antrag stellen.

Wir drücken die Daumen. 

Das kann ich gebrauchen.

Wenn du Wettkämpfe mitmachst, dann brauchst du ja unbedingt eine Begleitläuferin. Wie findet man die als blinde Läuferin?

Das ist gar nicht so leicht. Ich muss mich da immer selbst drum kümmern. Letztes Jahr hatte ich mich ja für einen 10 km-Lauf in Potsdam angemeldet, der dann wegen Corona abgesagt wurde. Da hatte ich an den Veranstalter eine Mail geschrieben und die wollten mir auch helfen. Aber ein spezielles Angebot der Laufveranstalter, eine Vermittlungsbörse, um Begleitläufer für blinde Läufer zu finden, kenne ich so nicht.

Was ist dein größtes Ziel?

Ich würde gern einen Halbmarathon laufen.

Wenn ich jetzt sage, Hamburg oder Berlin – wo wärst du lieber dabei? 

Ach nein, die Großstadt ist gar nicht so mein Ziel. Da sind mir gleich zu viele Leute. Bocholt hier ganz in der Nähe ist mir dann schon lieber.

Dankeschön Meike, Komm gesund ins Ziel!